Das romantische Idealbild von Elternschaft macht uns das Leben schwer. Weil es zum Tabu macht, was viele in der ersten Zeit auch empfinden: Erschöpfung.
Erinnert ihr euch? Mit Freunden feiern bis in den Morgen. Spontan ein paar Sachen in die Reisetasche werfen und raus ins Wochenende. Einen ganzen Sonntag lang in der Therme abhängen. Und so viel Zeit für Schlaf und Sex …
So war es, bevor wir Eltern wurden. Jetzt haben wir Kinder. Und wir lieben sie mehr, als wir uns vorstellen konnten! Dennoch: Die Unbeschwertheit und Spontaneität von damals, als es noch so viel Platz für unsere eigenen Wünsche und Gewohnheiten gab, danach sehnen sich fast alle zurück – hin und wieder.
Elternwerden ist eine der größten Veränderungen im Leben. Plötzlich dreht sich die Welt um eine neue Sonne: um das neugeborene Kind, das unsere Liebe und Pflege zum Überleben braucht. Mit ihm erleben wir Herausforderungen, Ängste und Sorgen, die wir bisher nicht kannten und mit denen wir erst zu leben lernen. „Me-Time“, zum Luftholen und Auftanken? Ist gefühlt nicht mehr existent.
Das große Schweigen
Wie anstrengend das Leben mit einem Säugling ist, wie überfordert wir manchmal sind, das traut sich kaum jemand auszusprechen. Es könnte ja jemand denken, dass ich eine schlechte Mutter, ein schlechter Vater bin. Dass ich mein Kind nicht genug liebe. Oder dass ich das alles bereue!
Dabei ist es kein Wunder, dass wir mit dem neuen Alltag fremdeln. Wie er sich für uns persönlich anfühlt, darauf können wir uns nicht vorbereiten. Wir wissen nicht im Voraus, wie wir als Eltern sein werden: was uns leichtfällt, womit wir hadern, was uns glücklich macht. Die erste Zeit ist von Höhen und Tiefen geprägt. Über die glanzvollen Momente sprechen alle, über die dunklen fast niemand.
Aber warum nicht?
Warum die Romantisierung von Elternschaft uns schadet
Das Baby ist da, und die jungen Eltern müssen doch außer sich sein vor Glück! Das wird ihnen von allen Seiten suggeriert. Oft sind sie es tatsächlich, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Elternschaft wird in unserer Gesellschaft romantisiert. Wenn ein Kind kommt, muss sich die Welt rosarot oder himmelblau färben, oder auch regenbogenfarben – vor lauter Liebe.
Diese Erwartung setzt Eltern unter Druck. Besonders Mütter: Von ihnen wird schon in der Schwangerschaft erwartet, dass sie ihren Zustand freudestrahlend genießen – trotz Morgenübelkeit, Dehnungsstreifen, miserablem Schlaf wegen des wachsenden Bauchs. Dass eine Frau, die sich ein Kind wünscht, nicht gerne schwanger ist, das ist nicht vorgesehen. Auch nach der Geburt sind Mütter zum Glücklichsein verpflichtet. Sind sie es nicht, fühlen sie sich, als hätten sie versagt.
Die Wahrheit hinter der rosa Brille
Mütter sind verwundete Frauen, wenn sie ihr Neugeborenes in den Armen halten. Ein schmerzender Damm- oder Scheidenriss, eine Kaiserschnitt-Wunde können die ersten Momente überschatten. Auch nach einer unkomplizierten Geburt empfindet nicht jede Frau beim ersten Blick auf ihr Baby die überwältigende Liebe, die sie vielleicht erwartet hat. Wenn romantisch verklärte Vorstellungen auf das Leben treffen, kann das Enttäuschung auslösen und verunsichern – besonders direkt nach dem einzigartigen Erlebnis einer Geburt.
Studien legen außerdem nahe, dass mindestens jede zehnte Gebärende eine Wochenbettdepression erleidet. Die Dunkelziffer könnte weit höher sein. Statt Glück empfinden die Betroffenen große Traurigkeit, leiden an Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Freudlosigkeit, Ängsten und Schuldgefühlen gegenüber ihrem Kind. Es trifft sie keine Schuld an der Erkrankung, die gut behandelbar ist und nicht mit einem kurzen „Babyblues“ vergleichbar ist. Viele schämen sich dennoch dafür, dass sie dem Ideal der glücklichen Mutter nicht entsprechen.
Andere haben einen leichteren Start, finden dann aber den Alltag mit ihrem Säugling ernüchternd eintönig. Auch das entspricht nicht der gesellschaftlichen Erwartung, und nicht alle geben es zu. Dabei ist es völlig normal, manche Entwicklungsphasen mehr zu mögen und zu genießen als andere!
„Parental Burnout“: Wann wird Erschöpfung problematisch?
Übermüdet und erschöpft: In der ersten Wochen geht es den allermeisten Eltern so. Es kann Monate dauern, bis sie sich ein wenig erholt haben und sich im Leben mit dem Kind angekommen fühlen.
Bei manchen aber setzt sich die Erschöpfung fest. Sie sind dauerhaft gereizt, schlafen kaum noch, alles fühlt sich schwer und belastend an, auch die Kinder selbst.
Gefühle wie diese sollten Mütter und Väter ernstnehmen. Sie können Symptome eines „Eltern-Burnouts“ (Parental Burnout) sein, hinter dem sich eine erschöpfungsbedingte Depression verbirgt. Die Betroffene entfernen sich emotional von ihren Kindern und sind nicht mehr in der Lage, feinfühlig und empathisch auf die kindlichen Bedürfnisse einzugehen. Das kann schwerwiegende Folgen für die Eltern-Kind-Beziehung haben. Übrigens: Zu einem Eltern-Burnout kann es auch kommen, wenn die Kids schon größer sind.
Wenn ihr spürt, dass es euch so geht: Sprecht mit jemandem darüber, dem oder der ihr vertraut, einer Freundin, einem Freund, Bruder oder Schwester. Sucht euch professionelle Unterstützung, zum Beispiel über die Hebamme, Kinderarzt oder Kinderärztin oder direkt bei einer Familienberatungsstelle, zum Beispiel einer, die auf das Angebot der „Frühen Hilfen“ für Familien mit Kindern bis drei Jahren spezialisiert ist.
Das könnt ihr selbst tun, damit die erste Zeit leichter wird:
Über Erwartungen sprechen, bevor das Baby kommt
Tauscht euch mit Partnerin oder Partner darüber aus, wie ihr den Alltag wuppen wollt, wenn das Kind auf der Welt ist. Wer von euch hat welche Erwartungen an sich und an den anderen? Wie wollt ihr eure Kräfte einteilen? Wo seid ihr bei Engpässen bereit, Fünfe gerade sein zu lassen? Vielleicht könnt ihr jemanden fragen, ob er oder sie bereit ist, in den ersten Wochen für euch den Einkauf zu übernehmen oder mit dem Baby eine Runde spazieren zu gehen, während ihr euch ausruht. Habt ihr ein paar Eckdaten für die erste Zeit abgesteckt, kann euch das etwas mehr innere Ruhe und Zuversicht geben. Nachjustieren könnt ihr immer.
Jammern entlastet
Alles ist weitgehend okay, aber ihr geht auf dem Zahnfleisch vor Müdigkeit? Ihr fühlt euch zu Hause mit dem Baby allein? Sucht euch jemanden, mit dem ihr über das reden könnt, was euch betrifft – eine enge Freundin oder eine Gruppe, einen Safe Space, in dem ihr für eure Gefühle nicht verurteilt werdet. Und dann lasst es raus! Es kann eine große Erleichterung sein, ohne schlechtes Gewissen zu sagen: „Das habe ich mir alles ganz anders vorgestellt!“ Auch das Wissen, dass andere Ähnliches erlebt und diese Phase überstanden haben, gibt Kraft und motiviert zum Durchhalten.
Go with the flow: Runter mit den hohen Ansprüchen
Sechs Monate voll stillen: auf jeden Fall! Babybrei selbst kochen: na klar! Das Kleine im Tuch tragen: so oft wie möglich! Viele Frauen haben eine sehr genaue Vorstellung davon, wie sie als Mutter sein wollen. Hohen Ansprüchen gerecht zu werden kann viel Kraft rauben, vor allem, wenn sie nicht zum eigenen Leben passen. Löst euch von starren Plänen und schaut einfac, was für euch funktioniert. Das entspannt, und ihr könnt das Abenteuer mehr genießen!
Haltet Abstand zu Social Media
Die Erwartungen an das Elternsein sind geprägt von der eigenen Familie, dem persönlichen Umfeld und den Medien. Seit einigen Jahren tragen auch Eltern-Accounts in den sozialen Netzwerken dazu bei. In guten Zeiten kann dieser Input inspirieren und Spaß machen. Wenn es einem aber gerade richtig schlecht geht, befeuern die perfekten Social-Media-Eltern die eigenen Selbstzweifel noch zusätzlich. Entfolgt deshalb Mutti- und Väter-Accounts, die euch nicht guttun.
Sorgt gut für euch selbst
Was braucht ihr gerade am meisten: Ruhe, Alleinsein, Schlaf oder Bewegung an der frischen Luft? Bleibt trotz der vielen Herausforderungen sensibel für eure eigenen Bedürfnisse und versucht, die wichtigsten in euren Alltag einzuplanen, damit ihr euren Akku immer wieder aufladen könnt. Auch eure Kinder profitieren davon, dass ihr auf euch selbst achtet – ein ganzes Familienleben lang!
