Sieben Eltern-Sätze im Check: Wie wir unsere Kinder besser erreichen
Hör jetzt auf zu weinen …
Wenn du jetzt nicht kommst, dann …
Ich hab dir doch vorher gesagt …
Kennt ihr das? Rund um die Uhr machen wir Eltern Ansagen, damit alles läuft zwischen Zähneputzen und Kita, Job und Schule, Arztterminen, Abendessen und Schlafenszeit. Es kann unendlich ermüdend sein, wenn es nicht gelingt, das Kind mit Worten zu erreichen – wenn es einfach nicht tut, was wir wollen!
Oft liegt es nicht allein am Tonfall, sondern auch an unseren Worten selbst. Wenn wir unausgeglichen oder gestresst sind, kommen uns schnell scheinbar harmlose „Eltern-Klassiker“ über die Lippen – Sätze, die wir reflexhaft sagen, ohne darüber nachzudenken, wie sie vielleicht wirken. Ohne dass wir es beabsichtigen, können manche davon bei einem Kind falsche Schlussfolgerungen auslösen oder sogar sein Selbstwertgefühl und die Gewissheit erschüttern, dass wir es bedingungslos lieben.
Wenn Eltern hin und wieder etwas „Falsches“ sagen, ist das kein Drama, schließlich kommt es auf den Grundton im Miteinander von Eltern und Kindern an. Es lohnt sich trotzdem, genauer hinzuschauen, wie wir mit unseren Kindern reden. Denn es gibt sie, die guten Sätze, die die Eltern-Kind-Beziehung sogar stärker machen.
Sieben Beispiele für Sätze mit unterschätzten Auswirkungen und wie es besser geht. Plus: Warum Diskutieren mit dem Kleinkind über einen wichtigen Termin sinnlos ist und: Fünf Tipps, wie ihr besser mit euren Kindern kommuniziert.
Sieben „falsche“ Sätze und wie es besser geht
1. Hör auf zu weinen, das ist doch nicht so schlimm!
Tränen fließen: weil das Kind aufs Knie gefallen ist. Weil das Ohr des Lieblingskuscheltiers abgerissen ist. Weil Mama auf Geschäftsreise geht. Oder weil der Freund nicht zum Spielen kommt. Wir wollen schnell trösten und beruhigen.
So kommt dieser Satz beim Kind an
„Ich darf nicht traurig sein, meine Gefühle sind nicht angemessen.“ Für das Kind ist die Situation gerade schlimm, ganz gleich, wie wir Eltern sie sehen! Wenn wir uns das nicht verstehen und akzeptieren, fühlt es sich zu Recht unverstanden. Das macht noch trauriger und schafft Distanz, statt zu trösten.
So geht es besser
Wir können die Gefühle des Kindes anerkennen und ihm spiegeln, dass wir sie wahrnehmen: „Ich sehe, dass du traurig bist.“ Es geht auch ohne Worte, mit einer liebevollen Umarmung, bis die Tränen nachlassen. Oder wir überlegen uns für eine solche Situation einen eigenen, persönlichen Satz, der die Trauer des Kindes nicht abwertet. KidsDoc Vitor sagt zum Beispiel: „Oh. Ist es jetzt besser, ist es wieder gut?“ Entscheidend ist, dass wir uns in das Kind einfühlen und seine Perspektive einnehmen. Das fällt leichter, wenn wir uns an Situationen aus der eigenen Kinderzeit erinnern, in denen wir selbst untröstlich waren!
2. Ich hab dir doch gesagt, dass das passieren wird!
„Hör auf damit!“ Wir haben gewarnt: ein Mal, zwei Mal, vielleicht zehn Mal. Trotzdem ist das Saftglas umgekippt oder die Milch nicht in der Müsli-Schale gelandet, sondern auf dem Tisch. Wir sind genervt und gestresst.
So kommt dieser Satz beim Kind an
„Ich bist schuld, weil ich nicht auf meine Eltern gehört habe!“ Das Kind ist erschrocken über den Ärger der Eltern und hat ein schlechtes Gewissen. Zu Unrecht, es hat das Glas nicht absichtlich umgestoßen oder die Milch verschüttet.
So geht es besser
Wenn wir eine Panne kommen sehen, weil das Kind einen Handgriff noch nicht sicher beherrscht, können wir diesen mit ihm üben oder ihm helfen. Oder wir greifen ein und machen es selbst. Wenn wir nur müde immer wieder „Hör auf damit“ wiederholen, müssen wir damit leben, dass etwas nicht schief geht. Schließlich haben wir wider besseres Wissen nicht eingegriffen.
Das Malheur ist schon passiert? Dann können wir es einfach kommentarlos beseitigen und Ordnung schaffen, vielleicht mit dem Kind zusammen – und zwar ohne Schreien und Schimpfen. Haben wir unseren Frust nicht unter Kontrolle und poltern doch einmal herum („Ich hab dir doch gesagt …!“), sollten wir uns später beim Kind entschuldigen: „Ich habe die Nerven verloren, weil ich so müde bin. Es tut mir leid! Ich weiß ja, das mit dem Glas, das kann wirklich jedem passieren!“ Wenn Eltern eigene Fehler eingestehen, ist das ein wertvolles Vorbild für ihr Kind. Mit älteren Kindern können wir darüber sprechen, dass Fehler zu machen zum Leben gehören und dass wir daraus lernen können.
3. Warum kannst du das nicht so machen wie deine kleine Schwester?
Gestressten Eltern rutscht ein solcher Satz heraus, wenn das jüngere Kind etwas kann, das das ältere wider Erwarten noch nicht beherrscht. Klassiker: allein einschlafen, sich selbst anziehen, nachts ohne Windel auskommen, am Esstisch nicht herumzappeln.
So kommt dieser Satz beim Kind an
„So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. Ich soll so sein wie meine Schwester/mein Bruder.“ Wenn wir unser Kind immer wieder mit seinem „besseren“ Geschwisterkind vergleichen, beschädigt das sein Selbstwertgefühl. Ebenso verhängnisvoll: Wir fördern damit die Rivalität unter den Geschwistern.
Wie es besser geht
Kein Kind ist wie das andere, und Geschwister miteinander zu vergleichen ist ein No-Go! Statt auf die Defizite eines Kindes zu schauen, können wir den Blick auf seine Stärken, auf das Positive richten. Das ist anfangs ungewohnt sein und kann Kraft kosten, aber mit der Zeit wird es leichter.
Reminder: Lasst Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen besser ärztlich abklären, etwa wenn ihr an ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) denkt. Professionelle Unterstützung ist dann sehr wertvoll.
4. Wenn du jetzt nicht dein Zimmer aufräumst, dann …
… kassier ich das Handy ein, gibt es keine Gute-Nacht-Geschichte … Solche „Wenn, dann“-Sätze drohen eine willkürliche Strafe an, wenn ein Kind einen Auftrag wieder und wieder nicht erfüllt oder ein anderes erwünschtes Verhalten verweigert. Wir sagen sie aus Frust und Hilflosigkeit.
So kommt dieser Satz beim Kind an
„Ich muss tun, was meine Eltern wollen, sonst werde ich bestraft. Sie sitzen am längeren Hebel.“
Wie es besser geht
Zuallererst: Bitte keine Strafandrohungen – wir missbrauchen damit unsere Machtposition. Wenn es uns doch passiert, sollten wir den Blick auf uns selbst richten und uns fragen: Warum bin ich gerade so ungeduldig und frustriert meinem Kind gegenüber, warum fehlt mir die Souveränität? Brauche ich gerade Ruhe, muss ich meine Ressourcen auffüllen?
Im zweiten Schritt können wir nüchtern feststellen, dass unser „Auftrag“ nicht ankommt, und einen neuen Weg suchen. Wir können dem Kind sagen: „Wir kommen hier nicht weiter. Was brauchst du, um dein Zimmer aufzuräumen? Soll ich dir einzelne Aufgaben geben, willst du es allein machen oder mit mir zusammen?“
Bei kleineren Kindern können wir auch auf das Fragen verzichten, im Kinderzimmer bleiben und die Richtung vorgeben: „Wir räumen jetzt zusammen auf. Alle Legosteine kommen in diese Kiste!“ Oft funktioniert es besser, wenn wir den „Auftrag“ spielerisch und kreativ anpassen: „Zuerst räumen wir alle grünen Sachen weg. Siehst du noch irgendwo was Grünes? Nichts mehr? Super, dann sind jetzt die roten dran!“
5. Jetzt hast du mich (oder: „Mama und Papa“) traurig gemacht.
Das Kind tut nicht, was wir von ihm erwarten. Wir sind ratlos, ungeduldig, vielleicht wütend und wissen nicht weiter. Traurig sind wir eher nicht!
So kommt dieser Satz beim Kind an
„Ich bin schuld daran, dass es meinen Eltern schlecht geht. Wenn ich nicht tue, was sie wollen, haben sie mich vielleicht nicht mehr lieb.“ Der Satz ist hocheffektiv: Oft kooperiert das Kind danach sofort, aber aus einem falschen Grund: aus Angst vor Liebesentzug.
Wie es besser geht
Diesen Satz sollte jede und jeder aus dem eigenen Wortschatz streichen, denn wir erpressen unser Kind damit emotional. Ein Kind muss aber fühlen und wissen, dass es nicht die Verantwortung für unsere Gefühle trägt, ganz gleich, was es tut.
Je nach Situation können wir stattdessen ruhig bleiben und sagen: „Ich habe verstanden, du hast keine Lust, mit einkaufen zu gehen. Wir müssen aber los, wir haben nichts fürs Abendbrot, und die Geschäfte schließen bald. Komm, wir ziehen dir deine Jacke an.“ Oder (beim Kinderarzt): „Ich habe das Gefühl, du hast Angst vor der Impfung. Stimmt das? Ja? Die Impfung ist aber wichtig, damit du gesund bleibst. Soll ich dich dabei auf den Schoß nehmen?“
6. Ich bin so enttäuscht von dir!
Ein Klassiker bei schlechten Schulnoten (und bei Lügen und anderen „Vergehen“).
So kommt dieser Satz beim Kind an
„Ich habe versagt. Ich entspreche nicht den Erwartungen meiner Eltern.“ Mit dem Satz setzen wir ein Kind massiv unter Druck und bürden wir ihm die Schuld an unseren eigenen Erwartungen auf. Wenn es um eine schlechte Note geht, lernt es das nächste Mal möglicherweise mehr, aber nicht aus Einsicht, sondern weil es wertgeschätzt und geliebt werden will.
Wie es besser geht
Wir können sagen: „Ich habe mir das für dich anders gewünscht.“ Der Satz kommt ohne Schuldzuweisung und Vorwurf aus, er ist fair und drückt die Verbundenheit zu dem Kind aus. Wir können auch konkreter werden: „Ich habe gedacht, dass es besser klappt, weil du doch gut gelernt hast. Was, glaubst du, könntest du das nächste Mal anders machen? Können wir dich unterstützen?“
7. Du bist so anstrengend!
Das Kind trödelt auf dem gemeinsamen Heimweg, redet ohne Punkt und Komma, tut nicht, was wir wollen: Wenn wir Eltern gerade ohnehin schon auf dem Zahnfleisch gehen, kann uns das vollends überfordern.
So kommt dieser Satz beim Kind an
„Ich bin anstrengend. So mögen meine Eltern mich nicht.“ Wenn ein Kind diesen Satz öfter hört, glaubt es, dass er wahr ist – weil es uns glaubt, seinen Eltern! Es fühlt sich nicht wertgeschätzt, nicht richtig, so wie es ist.
Wie es besser geht
Statt eine kritische Du-Botschaft herauszuhauen, können wir ehrlich mit uns und ihm sein und sagen, was in dieser Situation wirklich los ist: „Ich kann gerade nicht mehr. Ich will jetzt schnell nach Hause und muss mich ausruhen. Das hat aber nichts mit dir zu tun! Ich habe dich sehr lieb.“
Keine Diskussion mit einem Kleinkind über wichtige Termine!
Ein Zahnarztbesuch steht an, und eure Dreijährige will nicht hin. Vitors Rat: Spart euch die Diskussion, macht eine klare, freundliche Ansage, etwa: „Ich bin für deine Gesundheit zuständig. Wir gehen jetzt zum Zahnarzt.“ Nehmt euch dann ein paar Minuten Zeit, um herauszufinden, warum sie sich sträubt: Will sie ihr Spiel nicht unterbrechen oder hat sie Angst vor dem Termin? Dann könnt ihr sagen: „Das stehen wir jetzt gemeinsam durch, ich bleibe ja bei dir. Sollen wir dein Kuscheltier mitnehmen?“
Ihr könnt noch kurz über Karius und Baktus sprechen und warum der Zahnarztbesuch wichtig ist, aber dann geht’s ans Anziehen.
Wenn das Kind weiter in seiner Unlust und seinen schlechten Gefühlen versinkt: Versucht es durch Ablenkung herauszuholen. Sprecht es auf ein Thema an, das es begeistert, fragt nach dem Spieldate mit der Freundin am Vortag oder nach der lustigen Serie, die ihr zusammen geschaut habt. Während ihr die Schuhe anzieht, fängt es dann vielleicht schon an zu erzählen und ist sofort in einem ganz anderen „Film“. Das lockert die Stimmung auf, und ihr kommt eurem Ziel viel leichter näher!
Fünf Tipps, wie wir besser mit unseren Kindern kommunizieren
- Gut für uns selbst sorgen: Wenn es uns Eltern gut geht, sind wir ausgeglichener, offener und empfänglicher für unsere Kinder und klarer in unseren Worten.
- Perspektivwechsel in schwierigen Situationen: Was hätte ich mir als Kind gewünscht, dass meine Eltern es sagen?
- Auf Vorwürfe und Schuldzuweisungen verzichten: stattdessen mit Ich-Botschaften die eigenen Gefühle benennen.
- Das Kind um Entschuldigung bitten, zum Beispiel nach Wutausbruch oder verletzenden Sätzen, und Verantwortung übernehmen (ohne Einschränkungen wie „Das wäre mir ja niemals passiert, wenn du nicht …“)!
- Schweigen und handeln statt losschimpfen, zum Beispiel bei Pannen: Wenn wir uns reflexhaftes Verhalten bewusst machen, können wir alte Automatismen ablegen und uns neue, bessere antrainieren, zum Beispiel: lieber mal gar nichts sagen, statt sich in Schimpftiraden hineinzusteigern. Tut allen gut und funktioniert!
Podcastfolge: Nummer 178 und 179
