Wenn ein Baby vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt, spricht man von einer Frühgeburt. In Deutschland betrifft das etwa acht Prozent aller Kinder. Doch nicht alle Frühchen sind gleich: Je nach dem, in welcher Schwangerschaftswoche sie auf die Welt kommen und welche individuelle Entwicklung sie mitbringen, brauchen manche viel, andere wenig Unterstützung. Gerade frühe Frühchen, die vor 28+0 geboren werden, können es wegen noch nicht ausgereifter Organe schwer haben.
Welche Komplikationen können auftreten?
Die möglichen Probleme hängen stark vom Schwangerschaftsalter ab.
Häufig sind
- Atemprobleme,
- Infektionen,
- Unterkühlung,
- Unterzuckerung,
- Hirnblutungen und
- Darmentzündungen (nekrotisierende Enterokolitis).
Langfristig können Entwicklungsverzögerungen, Seh- oder Hörstörungen und ein erhöhtes Risiko für chronische Erkrankungen hinzukommen. Nicht alle Frühgeborenen sind davon betroffen. Aber je kleiner das Baby ist, desto höher ist das Risiko.
Wodurch kann es zu einer Frühgeburt kommen?
Die Ursachen sind vielfältig. In etwa der Hälfte aller Fälle bleibt die Ursache unklar. Allerdings gibt es entscheidende Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt erhöhen. Dazu gehörten
- eine bereits durchlaufene Frühgeburt,
- eine Mehrlingsschwangerschaft,
- Nikotinkonsum,
- Infektionen,
- eine sehr kurze Zervixlänge,
- bestimmte mütterliche Erkrankungen (etwa Diabetes oder Bluthochdruck),
- extrem hohes Alter der Mutter (45+) und
- hohe körperliche oder psychosoziale Belastung.
Man unterscheidet zwischen einer spontanen Frühgeburt mit vorzeitigen Wehen und vorzeitigem Blasensprung und einer medizinisch notwendigen Frühgeburt. Sie trifft dann zu, wenn etwa eine Präeklampsie („Schwangerschaftsvergiftung“) vorliegt, die Plazenta Probleme macht oder das Kind Wachstumsverzögerungen zeigt.
Welche präventiven Maßnahmen können helfen, eine Frühgeburt zu verhindern?
- Vaginale Progesterontherapie: Sie senkt bei Schwangeren mit erhöhtem Risiko (etwa durch eine kurze Zervix oder frühere Frühgeburt) die Frühgeburtsrate und reduziert Komplikationen beim Kind.
- Rauchstopp: Rauchen gilt als klarer Risikofaktor. Am besten bei der Rauchentwicklung beraten und unterstützen lassen.
- Behandlung von Infektionen: Harnwegsinfekte und vaginale Infektionen sollten konsequent therapiert werden.
- Zervixcerclage: Ist eine schwere Zervixinsuffizienz bekannt, kann diese OP im Einzelfall sinnvoll sein. Dabei wird unter Vollnarkose ein Kunststoffbändchen um den Gebärmutterhals gelegt und zugezogen, um den Muttermund zu stabilisieren. Ohne weitere Komplikationen wird der Verschluss um die 37. Schwangerschaftswoche entfernt.
- Wehenhemmung bei vorzeitigen Wehen: Eventuell können Medikamente eine Frühgeburt hinauszögern, um dem Kind mehr Zeit zur Reifung zu geben.
- Allgemeine Maßnahmen: Körperliche Schonung (keine Bettruhe!), gute Ernährung und Kontrolle chronischer Erkrankungen können die Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt generell verringern.
Wie stehen die Überlebenschancen für extreme Frühchen?
Sie steigen mit jeder Woche, die das Kind im Mutterleib verbringt. Das hier ist ein grober Überblick:
- 22 Wochen: etwa 10 bis 25 Prozent
- 23 Wochen: etwa 35 bis 50 Prozent
- 24 Wochen: etwa 60 bis 65 Prozent
- 25 Wochen: etwa 80 bis 82 Prozent
- ab 28 Wochen: über 90 Prozent
In modernen Zentren überleben also ab der 24. Schwangerschaftsmache mehr als 60 Prozent der Kinder. Der Verlauf hängt wesentlich von der intensivmedizinischen Unterstützung ab, denn aktive Behandlung steigert die Überlebenschancen deutlich.
Welche Möglichkeiten der Ertsversorgung gibt es?
Bei einer drohenden Frühgeburt werden der Mutter ab der 24. Schwangerschaftswoche antenatale Kortikosteroide gegeben. Das sind Medikamente, die die Lungenreife fördern und das Risiko für Hirnblutungen und Darmentzündungen senken.
Ist das Frühchen auf der Welt, muss es eventuell intensivmedizinisch versorgt werden. Dazu gehören unter anderem folgende Maßnahmen:
- Beatmung oder Unterstützung beim Atmen
- Therapie mit Surfactant, das die Lungenbläschen offen hält und so das Atmen ermöglicht
- Bluttransfusionen
- Parenterale Ernährung über einen Venenkatheter mit späterer Umstellung auf Muttermilch, die das Infektions- und Darmerkrankungsrisiko senkt
Was ist im Krankenhaus wichtig?
Die moderne Neonatologie setzt bei Frühgeborenen auf die sogenannte Känguru-Methode. Dabei wird das Baby für mehrere Stunden täglich nackt auf die ebenfalls nackte Brust von Mutter oder Vater gelegt und mit einem Tuch warm gehalten. Dieser direkte Hautkontakt beruhigt das Baby, fördert die Atmung sowie die Gewichtsentwicklung und stärkt dazu die emotionale Bindung zu den Eltern.
Studien zeigen: Die Methode bringt nicht nur kurzfristig Vorteile, sondern wirkt sich auch langfristig positiv auf die neuronale Entwicklung und das Familienleben aus.
Ist es möglich, das Frühgeborene zu stillen?
Unter bestimmten Voraussetzungen schon, auch wenn dafür Geduld und eine individuelle Betreuung durch Stillberaterinnen und das neonatologische Pflegepersonal nötig ist.
Da viele extreme Frühchen noch nicht eigenständig saugen und schlucken können, pumpen viele Mütter zunächst ab, um die Milchproduktion in Gang zu bringen. Sobald das Kind einen gewissen Reifegrad erreicht hat, wird die Muttermilch zunächst meist über eine Magensonde oder einen „Finger Feeder“ zugefüttert (weicher Silikonaufsatz für den Finger der fütternden Person).
Ist das Baby neurologisch und motorisch in der Lage, das Saugen, Schlucken und Atmen zu koordinieren, lässt sich das Stillen an der Brust nach und nach etablieren. Hilfreich sind spezielle Stillpositionen und Techniken wie der C-Griff, um dem Baby das Saugen zu erleichtern. Anfangs wird es nur für wenige Züge reichen, so dass weiter zugefüttert wird. Ist das Kind geübter, kann auch vollständig gestillt werden.
Welche Komplikationen sind am häufigsten?
- Bronchopulmonale Dysplasie (BPD): Diese chronische Lungenerkrankung entsteht oft durch lange Beatmung und Sauerstofftherapie und erschwert das Atmen.
- Offener Ductus arteriosus (PDA): Nach der Geburt verschließt sich typischerweise die Verbindung zwischen Hauptschlagader und Lungenarterie. Bleibt sie geöffnet, kann das das Herz belasten. Oft muss dann medikamentös oder operativ therapiert werden.
- Infektionen: Frühgeborene haben ein schwächeres Immunsystem, daher haben Bakterien und Viren leichteres Spiel.
- Hirnblutungen: Durch die empfindlichen Gefäße entstehen leichter Schäden, die die Entwicklung beeinflussen können.
- Netzhauterkrankungen (Retinopathie): Veränderungen der Blutgefäße in der Netzhaut können im schlimmsten Fall das Sehen beeinträchtigen.
Frühchen mit einer oder mehreren dieser Herausforderungen benötigen ein engmaschiges Monitoring und eine spezialisierte Nachsorge.
Wie geht es nach der Klinik weiter?
Sehr frühgeborene Kinder bleiben meist mehrere Monate im Krankenhaus. Danach kontrolliert ein interdisziplinäres Team aus Kinderärztinnen, Neurologen, Physiotherapeutinnen, Logopäden und Ernährungsberaterinnen regelmäßig die neurologische und körperliche Entwicklung. Auch Augen- und Hör-Checks stehen oft auf dem Plan. So können Entwicklungsverzögerungen früh erkannt und therapeutisch begleitet werden.
Zudem bekommen Frühchen-Familien langfristig gezielte Unterstützung von Sozialpädagoginnen und Psychologen – genau passend zu ihren Bedürfnissen.
Wo bekommen Eltern Unterstützung?
Die Geburt eines Frühchens ist für Eltern oft ein Schock und durch die Ungewissheit eine enorme emotionale Belastung. Deshalb ist psychosoziale Begleitung ein wichtiger Bestandteil der Versorgung.
Spezialisierte Beratungsangebote und Familienzentren helfen Eltern, Ängste zu verringern, den Umgang mit Unsicherheit zu erleichtern und die elterliche Rolle zu stärken. Zudem weiß das Personal vieler Kliniken: Wenn sie Eltern aktiv in Pflege und Entscheidungen einbinden, stärkt das deren Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und sorgt für mehr psychische Stabilität – auch auf Seiten des Kindes.
