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Geschwisterstreit: So bleibt ihr gelassen

Geschwisterstreit: So bleibt ihr gelassen

„Bekommt ein zweites Kind, dann haben die beiden immer jemanden zum Spielen!“ Gehört ihr auch zu den Eltern, die bei diesem Satz nur müde lächeln, weil euch euren lauthals streitenden Kinder sonntags um sieben aus dem Schlaf reißen? Hier erfahrt ihr, warum das zwar nervt – aber es eigentlich super ist, dass sich eure Kinder zoffen.

„Kriegspfad oder Friedenspfeife? Geschwister können beides“, stellte der Schriftsteller Kurt Tucholsky fest. Wie recht er damit hatte! Denn es ist genau dieser oft schnelle Wechsel aus Streit und Versöhnung, der Kindern zeigt: Hier kann ich mich ausprobieren und meine Emotionen zeigen, ohne gleich die Bindung zu riskieren.

Warum muss Streit sein?

Habt ihr auch zwei Krawallbürsten zu Hause? Wenn ja, treibt euch das wahrscheinlich regelmäßig in den Wahnsinn. Vor allem, wenn die Konflikte an manchen Tagen einfach nicht enden wollen! Können die sich nicht einfach mal vertragen? Äh, nein. Leider nicht.

Und das hat einen Grund: Durch Konflikte lernen Brüder und Schwestern, wie sie ihre Bedürfnisse durchsetzen können und erwerben Frustrationstoleranz. Sie sehen, wie es ist, …

  • … eine Meinung zu haben und zu vertreten,
  • … die Perspektive zu wechseln,
  • … Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers zu verstehen,
  • … jemanden mit Argumenten umzustimmen,
  • … sich eine Gemeinheit nicht gefallen zu lassen,
  • … für sich einzustehen und
  • … den Schmerz auszuhalten, dass nicht immer alles gerecht zugeht.

Streit wappnet eure Kinder also fürs Leben und trainiert das soziale Miteinander.

Warum zoffen sie sich nicht einfach mit anderen Kids?

Das hat vor allem drei Gründe:

  1. Wenn Brüder und Schwester in einem Haushalt aufwachsen, sind sie füreinander so gut wie immer verfügbar. Das ist praktisch, so haben sie immer jemanden, der sich mit ihnen beschäftigt oder Auseinandersetzungen austrägt.
  2. Auch beim krassesten Zoff können sie sich nicht wirklich voneinander abwenden und die Beziehung aufkündigen, wie das bei Freundschaften möglich ist. Eine Versöhnung muss also früher und später her.
  3. Sie lernen im Geschwisterstreit, wie gut es ist, die richtigen Worte zu finden, sich zu entschuldigen, einander zu verzeihen. Manche Brüder und Schwestern erarbeiten sich im Laufe der Zeit richtige Versöhnungs-Rituale. Das ist ziemlich schlau!

Worum wird gestritten?

Im Kleinkindalter geht es vor allem um Spielzeug und die primären Bezugspersonen, wenig später um Interessen und Vorherrschaft, zum Beispiel, wer im Spiel bestimmen darf. Ab vier Jahren streiten sich die Zwerge auch um Fairness. Bei Schulkindern geht es oft darum, wer Recht hat. Teenager ringen vor allem um Räume: wer Freundinnen oder Freunde einladen und als erstes ins Bad darf. 

Fachleute sagen: Je geringer der Altersunterschied, desto größer ist die Konkurrenz zwischen den Kindern (wobei aber auch die Chancen steigen, dass die Geschwister mehr miteinander spielen). Dazu kommt die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern: Bindung ist für Geschwister nicht wie ein Kuchen, der gerecht aufgeteilt wird, sondern wie ein Lichtkegel, in dem sie stehen wollen. Steht schon das Geschwisterkind drin, stellt man sich halt dazu! Oder schubst den anderen raus.

Kinder wägen das nicht kognitiv ab, sondern fühlen es nur. Deshalb kann es sein, dass eure Sprösslinge auf einmal das Gefühl haben, zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Der Alarm ist damit programmiert.

Warum knallt es ausgerechnet zu Hause?

Kinder müssen von morgens bis nachmittags in der Schule und bei ihren Hobbys kooperieren. Eindrücke, soziale Interaktionen, Konzentration und Anspannung: So ein „Arbeitstag“ ist nicht nur für Erwachsene anstrengend. 

Daheim fällt dann alles von den Kindern ab: angestaute Energie, unausgesprochene Bedürfnisse, Reizüberflutung. Das Zuhause fungiert als eine Art emotionaler Mülleimer, in den Kinder alles kippen können. Streit kann manchmal ein Ventil sein. Es ist also ein gutes Zeichen, wenn in den eigenen vier Wänden die Fetzen fliegen: Es zeigt, dass eure Kinder sich gehenlassen können, weil sie sich sicher fühlen. 

Gibt es nie Stress und Streit, kann das sogar ein schlechtes Zeichen sein, sagen Fachleute. Zum einen, weil es nie gut ist, Gefühle zu unterdrücken. Zum anderen, weil es für Kinder in dysfunktionalen Familien meist ums Überleben geht. Für Geschwisterstreit bleiben da keine Ressourcen.

Wieviel Streit ist normal?

Beobachtungsstudien zeigen, dass sich Geschwisterkinder bis zu acht Mal in der Stunde streiten. Das müsst ihr als Eltern erst mal aushalten! Leichter fällt das, wenn ihr mal darauf achtet, wie oft sich eure Kinder auch vertragen, wie häufig sie sich gegenseitig etwas ausleihen, einen Kompromiss finden oder sich zusammen zur Eisdiele aufmachen. Dieser Blick setzt die Zankerei in ein realistisches Verhältnis. 

Also einfach laufen lassen?

Grundsätzlich: ja. Auch wenn es euch schwer fällt, erst mal nur zu beobachten. Oft klären die Kinder aber ihre Konflikte untereinander ziemlich schnell. Werdet deshalb auf keinen Fall zu Schiedsrichter oder Schiedsrichterin.

Manchmal aber solltet ihr doch eingreifen. Denn Kinder lernen das sozial verträgliche Lösen von Konflikten vor allem von euch. Verletzten sich eure Kinder also gegenseitig körperlich oder seelisch, solltet ihr erklären, dass es in eurer Familie nicht erlaubt ist, so miteinander umzugehen.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht: Die kindliche Streitkultur wird mit zunehmendem Alter immer besser. Und egal, wie oft sich eure Kids um eure Aufmerksamkeit oder den Lego-Katalog zoffen: Die meisten Geschwister bleiben lebenslang enge Vertraute. Vielleicht gerade, weil sie sich so viel gestritten haben.

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