Verhalten & Psychologie 8 Min. Lesezeit

Medien: Kompetente Kids

Medien: Kompetente Kids

Medien gehören zum Alltag. Damit Kinder und Jugendliche lernen, diese vernünftig und sicher zu nutzen, brauchen sie Regeln – und die Unterstützung ihrer Eltern.

Wenn es nur der Fernseher wäre. Anders als früher wächst die heutige Generation mit einem so großen Medienangebot auf, dass es Eltern oft schwerfällt, den Überblick zu behalten. Es gibt Smartphones und Tablets, Spielkonsolen und Computer, Video- und Streamingplattformen, Spiele, soziale Netzwerke. Und nicht selten diskutieren Familien lebhaft darüber, wie diese zu nutzen sind.

Risiken vs. Spaß

Es ist ein sensibles Thema. Den meisten Eltern ist klar, dass Medien für die heutigen Kids wichtig sind, dass sie lernen müssen, sicher damit umzugehen, und das heißt nicht nur, technisch versiert zu sein, sondern auch, sie verantwortungsbewusst und kritisch zu nutzen. Vor allem aber wollen Eltern ihre Kids vor möglichen Gefahren beschützen, die es zweifellos gibt. Für Kinder und Jugendliche wiederum steht der Spaß im Vordergrund, sie wollen Neues entdecken, später auf dem Laufenden bleiben, sich mit Gleichaltrigen austauschen, sich kreativ ausdrücken.

Die Kunst ist, die Bedürfnisse beider Seiten in einer gesunden Balance zu halten. Dafür braucht es klare Absprachen und altersgerechte Regeln. Denn neben den bekannten Vorteilen – schneller Zugang zu Informationen und Lerninhalten sowie Unterhaltungsformaten – bergen sie auch Risiken.

Zwischen Überforderung und Überangebot

Kleinere Kinder können schnell überfordert sein von dem Geflimmer, die Inhalte können sie erschrecken oder ängstigen. Ältere Kinder und Jugendliche verlieren sich schnell in dem Überangebot. Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergaben, dass rund 96 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren das Internet täglich nutzen, vor allem für Kommunikation und Unterhaltung. Im Schnitt sind sie wöchentlich rund 26 Stunden online, Tendenz steigen. Auf den Tag gerechnet sind das mehr als dreieinhalb Stunden – und das ist nur ein Mittelwert.

Achtung vor den Folgen

Fachleute debattieren seit Längerem darüber, wie sich der Medienkonsum auf das psychische Wohlbefinden der Kinder auswirkt. Eins dürfte aber klar sein: Je mehr Zeit sie vor einem Bildschirm sitzen, desto weniger Zeit bleibt ihnen für das echte Leben, für echte Begegnungen und echte, sinnliche Erfahrungen. Das mag banal klingen, die möglichen Folgen sind es nicht. Dazu gehören Schlaf- und Bewegungsmangel, Konzentrationsschwierigkeiten, schlechte schulische Leistungen, auch ein gewisses emotionales Abstumpfen.

Wichtige Themen bei Teenagern sind Cybermobbing, Computerspielsucht und das übermäßige Vergleichen mit anderen, was zu Ängsten, Depressionen oder gar Essstörungen führen kann. Nicht zuletzt können Kinder und Jugendliche zu früh mit unangemessenen Inhalten konfrontiert werden, die sie nicht einzuordnen wissen. Außerdem gehen sie oft zu unbefangen mit persönlichen Daten um und machen sich dadurch angreifbar.

Warum Sensibilisierung wichtig ist

All das ist Grund genug, den Medienkonsum der Kinder nicht nur im Blick zu behalten und zeitlich zu begrenzen, sondern sie ab einem gewissen Alter auch für Gefahren im Netz zu sensibilisieren. Statt Verbote auszusprechen, sind Eltern dazu aufgerufen, ihre Kids in die Medienwelt einzuführen und sie zu begleiten. Nur: Wie? Viele Erwachsene sind selbst verunsichert und wissen nicht, was das eigentlich bedeutet und wo sie ansetzen können.

Vorbild sein

Es gibt offizielle Empfehlungen von Fachleuten und Institutionen, dazu gleich mehr. Ein wichtiger erster Schritt davor wäre zunächst jedoch, sein eigenes Medienverhalten kritisch zu reflektieren: Welchen Stellenwert hat das Handy bei mir, oder der Computer, der Fernseher? Bin ich mit halbem Auge immer auf irgendeinem Bildschirm? Wo ist meine Aufmerksamkeit, wenn ich mit meinem Kind zusammen bin? Kinder orientieren sich an ihren Eltern und ahmen deren Verhalten nach. Es ist leichter, ihnen etwas zu vermitteln, wenn man mit gutem Beispiel vorangeht. 

Regeln und Absprachen, an denen sich Kinder orientieren können, sind zweifellos richtig und wichtig. Und je eher diese eingeführt werden, desto besser ist es später, weil einem so manche Diskussion erspart bleibt. Dennoch gilt: Diese Regeln sollten gleichermaßen für die Erwachsenen gelten.

Offizielle Empfehlungen

Was die Nutzungsdauer betrifft, variieren die Empfehlungen ein wenig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa rät: 

  • Babys und Kleinkinder unter zwei Jahren: keine Bildschirmzeit.
  • Zwei- bis Vierjährige: maximal eine Stunde Bildschirmzeit, weniger ist besser.

Deutsche Experten sind etwas strenger. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung etwa empfiehlt eine Bildschirmnutzung erst ab drei Jahren.

  • Drei- bis Sechsjährige: maximal 30 Minuten am Tag.
  • Sechs- bis Zehnjährige: maximal 45 bis 60 Minuten. 

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), die 2023 gemeinsam mit der Universität Witten/Herdecke eine Leitlinie für Bildschirmzeiten veröffentlicht hat, ergänzt : Eine eigene Konsole sollten Kinder frühestens ab neun Jahren haben. Haben sie erst ihr eigenes Gerät, wird es schwieriger, die Spieldauer zu regeln.

Tipps für den Alltag

Solche Angaben bieten eine Orientierung. Denn jedes Kind ist anders. Ist es sehr sensibel, braucht es vermutlich mehr Begleitung und eine geringere Zeit. Auch wenn das Kind nach dem Fernsehen sehr aufgedreht ist oder sich nur schwer davon lösen kann, wäre es ratsam, die Bildschirmzeit zu reduzieren. Ohnehin ist es sinnvoll, regelmäßig bildschirmfreie Tage einzubauen und den Fokus immer wieder auf andere Aktivitäten zu lenken – Bewegung, Spiele, klassische Medien wie Bücher oder Hörbücher.

So bequem es für die Eltern sein mag, Kinder vor einem Bildschirm zu setzen, um in Ruhe Dinge erledigen zu können oder mal durchzuatmen: Es sollte nicht zu früh erfolgen und eher die Ausnahme sein.

Interaktion auch vor dem Bildschirm

Das Problem dabei ist die fehlende Interaktion. Über die Interaktion entwickeln Kinder gesunde Beziehungen und emotionale Intelligenz. Daher spielen sie lieber mit anderen als allein. Experten empfehlen, bei kleineren Kindern immer mitzuschauen und sich darüber auszutauschen, dadurch das Gesehen in die Realität zu holen, Fragen zu stellen, vielleicht gemeinsam Bilder zu malen.

Wenn es mal nicht möglich ist dabeizusitzen und sich das Kind eine Sendung allein ansieht, kann man sich anschließend erzählen lassen, worum es ging, welches seine Lieblingsfigur ist und warum. Auch mit älteren Kindern können und sollten sich Eltern Filme, Videos, Apps oder Websites ansehen oder Spiele spielen, um im Gespräch zu bleiben und Anschluss zu halten.

Ausnahmen erlaubt

Klar sein sollte zudem, dass solche Zeitlimits keine Gesetze sind. Statt den Fernseher nach exakt 30 Minuten abrupt auszuschalten und Tränen und Streit zu riskieren, wäre es sinnvoller, die Medienzeit an der Dauer einer Sendung oder Folge auszurichten. Ausnahmen und Kompromisse darf es ebenfalls geben, etwa bei Krankheit.

Da Kinder mit Zeitangaben wenig anfangen können, hilft es, eine Sanduhr aufzustellen, so haben sie die Zeit vor Augen. Oder die Eltern hängen einen Wochenplan auf und man legt gemeinsam fest, an welchem Tag welches Gerät wie lange genutzt werden darf. Kleine Magnete oder Pins können die Medienzeit symbolisieren und auf den entsprechenden Tagen platziert. Bleiben sie ungenutzt, wandern sie mit, damit sie nicht verloren gehen.

Jede Familie kann hier kreativ werden und eigene Modelle entwickeln.

Kein Druckmittel

Eines sollten Eltern unbedingt vermeiden: die Medienzeit als Druck- und Machtmittel zu missbrauchen. Also das Fernsehen oder Onlinespielen vom Benehmen des Kindes, seinen Noten oder dem Zustand seines Zimmers abhängig zu machen – im Positiven wie Negativen. Weder motiviert das ein Kind noch verbessert es die Beziehung zu ihm. Auch deswegen sind Regeln wichtig: Es entkoppelt die vereinbarte Medienzeit von der Laune des Vaters oder der Mutter.

Manchen Familien hilft es, einen Vertrag aufzusetzen. Das hat etwas Verbindliches. Unter mediennutzungsvertrag.de finden Eltern eine Vorlage, die sie gemeinsam mit ihren Kindern gestalten können. Der Vertrag wird dann ausgedruckt, unterschrieben und gut zugänglich aufbewahrt.

Sinnvoll ist dabei ebenfalls, handyfreie Zeiten zu definieren, etwa beim gemeinsamen Essen, Spielen oder Fernsehen. Niemand muss einen Anruf, eine Nachricht oder E-Mail immer sofort annehmen oder beantworten. Auch im Netz surfen und spielen, während man sich am Tisch unterhält, ist tabu.

Medienkompetenz entwickeln

Letztendlich geht es bei alldem darum, die Medienkompetenz zu fördern. Dazu gehört auch, sich kritisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Kinder sollten wissen,

  • dass Informationen falsch oder verzerrt wiedergegeben werden und nicht alles stimmen muss, was im Internet steht.
  • wie man Informationen recherchiert und Quellen prüft.
  • welche Quellen verlässlich sind.
  • welche Gefahren wo lauern, etwa zu den Themen Cybermobbing, sexuelle Belästigung Minderjähriger (Cybergrooming), unangemessene Inhalte sowie Urheberrecht und Datenschutz.
  • dass Vorsicht geboten ist beim Teilen von persönlichen Informationen und wie es seine Privatsphäre schützen kann.

Das wiederum setzt entsprechendes Wissen bei den Eltern voraus. Wer hier unsicher ist oder interessiert, findet auf der Website von Schau-hin.info gutes Material. 

Kreativ werden

Damit der Spaß nicht zu kurz kommt: Moderne Medien lassen sich auch kreativ nutzen. Mit digitalen Werkzeugen und entsprechenden Apps können Kinder und Jugendliche lernen, Fotos und Videos zu bearbeiten, Grafiken zu erstellen, Musik zu produzieren. Es gibt viele Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken. Das wiederum fördert nicht nur die Medienkompetenz der Heranwachsenden. Es kann zudem ihr Selbstbewusstsein stärken, wenn sie neue Ideen entwickeln, verborgene Talente entdecken, ihr kreatives Potenzial entfalten. Und letztlich ist auch das ein tiefes Anliegen von Eltern.

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