Trigger-Warning: Das Thema tut weh. Trotzdem müssen wir mehr darüber wissen, um Kinder wirksam zu schützen, und wir müssen mehr darüber reden – öffentlich. Was ihr ganz konkret in eurer Familie tun könnt und wie ihr euch am besten verhaltet, wenn euer Bauchgefühl euch einmal sagt: Da stimmt doch was nicht.
Laut offizieller Zahlen des Bundeskriminalamt (BKA) wurden 2022 über 17.000 Kinder unter 14 Jahren Opfer sexueller Gewalt. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Besonders erschütternd: Meist kannten die betroffenen Kinder die Täter schon vorher gut: aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis, aus der eigenen Familie oder dem Verein.
Fremde dagegen suchen heute zunehmend online über soziale Netzwerke und Chats Kontakt mit Kindern in der Absicht, sie zu missbrauchen. Diese gezielte Annäherung wird Cyber-Grooming genannt (von „grooming“: „vorbereiten“). Die Zahl der Ermittlungen zu Kinder- und Jugendpornografie im Netz hat sich seit 2018 fast versechsfacht, auf mehr als 42.000 Fälle im Jahr 2022. Für den Anstieg sind auch Änderungen im Strafrecht verantwortlich.
Was ist sexueller Kindesmissbrauch?
Was vielen nicht bewusst ist: Oft geht es nicht um körperliche Gewalt. Zu sexuellem Missbrauch zählen sexuelle Anspielungen und Übergriffe, etwa bei Hilfestellungen im Sport. Es gibt „hands-off“-Taten, bei denen der Täter das Kind nicht berührt, sondern sich vor ihm auszieht, vor ihm masturbiert, ihm pornografische Darstellungen zeigt oder es dazu bringt, sexuelle Handlungen an sich selbst durchzuführen. „Hands-on“-Taten reichen vom Kuss bis zu schweren Formen des Missbrauch wie Penetration.
Wer sind die Täter und Täterinnen?
Der böse Fremde, der ein Kind auf dem Schulweg abfängt und missbraucht: Es gibt Fälle wie diese. Viel häufiger aber sind Kinder im privaten Umfeld gefährdet. Täter können der Vater der Kindergartenfreundin sein, eine Bekannte der Eltern, der Lieblingsonkel sein, ein Trainer oder Betreuer. Tatverdächtige – neun von zehn sind Männer – nähern sich einem Kind behutsam und erschleichen sich sein Vertrauen. Was sie antreibt, ist das Erleben einer Machtbeziehung, die sie sexuell erregt und die zu sexuellen Missbrauch führt. Dabei mischt sich liebevolles Verhalten wie etwa Streicheln mit sexuellen Handlungen – auch deshalb ist sexuelle Kindesmisshandlung schwer aufzuklären.
Woran kann man erkennen, dass ein Kind sexuell missbraucht wird?
Betroffene Kinder verändern sich oft psychisch und im Sozialverhalten: Manche ziehen sich zurück, andere sind unruhig oder werden aggressiv und lassen sich kaum beruhigen. Aber Vorsicht: Anzeichen wie diese können auch ganz andere Ursachen haben wie eine Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Sie können auch zur normalen Entwicklung gehören, etwa in der Autonomiephase. Geht es einem Kind aber immer schlechter oder fallen im Grund- oder Vorschulalter plötzlich Konzentration und Leistungen massiv ab, sollte man aufmerksam sein.
Kinder schützen: Das könnt ihr tun
Aufklärung, kindgerecht: Wir Eltern sagen, was normal ist beim Sex
Wir Eltern müssen die Ersten sein, die mit unseren Kindern über Sex sprechen – in kindgerechter Sprache. Spätestens bei der Einschulung, besser noch im Kindergartenalter sollten Kinder von uns erfahren, was „normal“ ist. Zum Beispiel so: „Sex dürfen nur Erwachsene miteinander machen. Wenn ein Erwachsener das mit einem Kind macht, dann kommt er ins Gefängnis.“ Ist der innere Kompass des Kindes in dieser Frage genordet, hat ein Täter kaum eine Chance mehr, ihm ein falsches „Normal“ einzuimpfen.
Vertrauen: Wir müssen der sichere Hafen für unsere Kinder sein
Ein Kind muss wissen: Egal, was mir passiert, egal, was mich bedrückt: Ich kann immer zu meinen Eltern kommen, ohne Angst vor Ärger oder Bestrafung. Ein schlechtes Gewissen des Kindes spielt Tätern immer in die Karten! Gibt es in der Familie eine offene, vertrauensvolle Kommunikation, wird das Kind wahrscheinlich erzählen, wenn es etwas erlebt, das es belastet oder nicht einordnen kann.
Geheimnisse: Es gibt keine guten und schlechten
Verzichtet besser auf diese populäre Unterteilung! Täter und Täterinnen kennen sie auch und machen sie sich zunutze: „Das ist unser Geheimnis, das verraten wir nicht, und das ist ein gutes Geheimnis.“ Deshalb sollte die Botschaft an die Kinder sein: Geheimnisse gibt es nicht. Sie werden immer erzählt.
Familienritual: Alle zeigen ihre Geschenke
Geschenke spielen für Täter eine wichtige Rolle dabei, ein Kind emotional an sich zu binden. Ihr Eltern sollt davon nichts erfahren. Mit einem Alltagsritual könnt ihr von Anfang an etwas dafür tun, dass eure Kinder bei der Geheimnistuerei nicht mitmacht: Jeder in der Familie zeigt, was sie oder er geschenkt bekommt, ohne Ausnahme. Schließlich wollen sich alle mitfreuen, wenn jemand etwas bekommt! Wenn Kinder das verinnerlicht haben, werden sie kaum mehr auf das Drängen eines Täters eingehen, ein Geschenk geheim zu halten. Dann ist die Gefahr gebannt, denn der Täter will auf keinen Fall Gesprächsthema in der Familie sein. Wenn ihr bei einem Geschenk hellhörig geworden seid, könnt ihr auch ohne Druck mit dem Kind darüber reden: hat es als einziges etwas vom Trainer bekommen oder alle anderen Kinder auch? Auch sinnvoll: das nächste Mal mitgehen zum Training, sich bedanken und höflich erklären, dass es Familienregel ist, Geschenke nicht anzunehmen: „In Zukunft bitte nicht mehr, ja?“ Dem Schenkenden ist dann klar: Dieses Kind erzählt alles zu Hause.
Ungutes Bauchgefühl? Schaut hin und fragt vorsichtig nach
Wenn euer Kind in einer Situation mit einem Erwachsenen beobachtet, die euch stutzig macht, könnt ihr später mit dem Kind in einem ungestörten Gespräch reden, ohne ihm etwas Negatives zu suggerieren: „Was habt ihr denn heute Schönes gemacht, erzähl mal.“
Wenn ein Kind zu Besuch ist und etwas erzählt, bei dem ihr hellhörig werdet – etwa, dass es immer nackt herumläuft, wenn es mit dem Onkel und der Tante zusammen ist – könnt ihr locker nachfragen: „Das ist ja lustig, lauft ihr oft alle zu Hause nackt herum?“ Holt die Mutter das Kind ab, erzählt ihr ihr am besten ohne viel Aufhebens davon, vielleicht so: „Ich will das nicht aufladen, aber ich wollte, dass du das weißt, dass er das heute erzählt hat. Guck doch vielleicht mal, was da los war.“ Vielleicht fragt ihr beim nächsten Treffen noch einmal nach, ob sich die Situation geklärt hat. Das kann dann wichtig sein, wenn die Mutter nicht wahrhaben will, dass ein Risiko für sexuellen Missbrauch besteht. Das kostet Überwindung, ist aber die Anstrengung wert, denn nichts ist bei Kindeswohlgefährdung schlimmer als Nichtstun. Das zeigen Berichte von Betroffenen mit jahrelanger Leidenszeit: Häufig haben sehr viele etwas geahnt, aber niemand hat etwas gesagt.
Kinderschutz ist kein Tabu: Redet darüber!
Je mehr Menschen mit anderen über den Schutz vor Kindesmissbrauch sprechen, desto sicherer wird das Umfeld für Kinder. Ihr könnt schon bei der Anmeldung in der Kita oder in einem Sportverein fragen: Wie sind denn hier die Kinderschutzkonzepte, wer sind die Ansprechpartner, wenn etwas passiert, was nicht passieren soll? Durch konsequentes Nachfragen macht ihr euch zwar oft nicht beliebt, aber ihr sensibilisiert Menschen und Organisationen und bringt das Thema voran. Sprecht auch im Freundeskreis darüber, mit anderen Eltern auf dem Spielplatz oder auf einer Familienfeier, was Kinder schützt: „Hey, ich hab da was Tolles gehört, kennt ihr dieses Familienritual, bei dem alle ihre Geschenke immer zeigen?“ Je mehr davon wissen, desto mehr können helfen, das nahe Umfeld für Kinder sicherer zu machen. Außerdem werden potenzielle Täter abgeschreckt, die bei solchen Gesprächen unerkannt dabei sind. Ohne es zu merken, haben wir so möglicherweise wieder ein Kind geschützt.
Hilfe und Information über sexuellen Kindesmissbrauch findet Ihr hier:
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch
Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen
Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)
