Verhalten & Psychologie 6 Min. Lesezeit

Selektiver Mutismus: Sag doch was!

Selektiver Mutismus: Sag doch was!

Zu Hause redet euer Kind ohne Punkt und Komma, aber vor dem Kinderarzt oder in der Schule bringt es kein einziges Wort heraus. Das kann Eltern schier wahnsinnig machen! Warum sagt es nichts, wenn es doch sprechen kann? Ist es nur extrem schüchtern? Oder schweigt es doch aus Sturheit, aus Eigensinn? Bei Kindern mit selektivem Mutismus (bedeutet etwa: eingeschränkte oder zeitweise Stummheit) ist die Antwort auf beide Fragen: Nein. Aber von Anfang an.

Was ist selektiver Mutismus?

Selektiver Mutismus ist eine Form der sozialen Angststörung (auch: soziale Phobie): Die Betroffenen haben große Angst davor, von anderen ausgelacht, beurteilt und negativ bewertet zu werden. Diese Furcht löst eine Sprechblockade aus, die sehr verlässlich nur in bestimmten Situationen, an bestimmten Orten oder in Anwesenheit bestimmter Menschen auftritt. Die Kinder können zwar sprechen, aber nicht immer und überall – obwohl sie genau wissen, was sie sagen möchten! Manche verstummen nur in der Kita oder in der Schule, andere, wenn Fremde dabei sind, oder vor dem Opa oder der Tante – das ist individuell verschieden. Warum ein Kind mit dem einen spricht und vor dem anderen konsequent schweigt, bleibt oft rätselhaft. Oft verstummen Kinder in Übergangsphasen, etwa beim Kita-Start oder beim Wechsel in die Grundschule. Von selektivem Mutismus sprechen Mediziner aber erst, wenn das Verstummen länger als einen Monat anhält. Die gute Nachricht: Die Sprachbarriere kann sich zurückbilden – mit viel Geduld und professioneller Hilfe.

Was ist der Unterschied zu „einfach nur schüchtern“?

Das ist anfangs schwer zu unterscheiden. Aber es gibt Unterschiede: Schüchterne Kinder verstecken sich oft bei ihren Eltern, wenn sie mit neuen Menschen zusammenkommen, zum Beispiel auf einem Fest. Dann reden sie erst einmal nur mit der Mama und dem Papa, aber nach einer Weile tauen sie oft auf und antworten auch, wenn andere sie ansprechen. Kinder mit selektivem Mutismus sprechen vor Unbekannten oft nicht mal mit ihren Eltern und bekommen kein einziges Wort heraus. Wenn sie jemand anspricht, blicken sie die Person wie versteinert an oder schauen in die Ferne. Da geht einfach – nichts.

Woher kommt das Schweigen? Sind wir Eltern daran schuld?

Nein, das seid ihr nicht. Fehler in der Erziehung allein lösen keinen selektiven Mutismus aus. Es gibt aber mehrere mögliche Ursachen. Das zeitweise Verstummen tritt in manchen Familien gehäuft auf, es ist also genetisch mitbedingt. Risikofaktoren sind auch Mehrsprachigkeit und große Veränderungen der Lebensumstände, besonders wenn ein Kind in einem neuen Land mit einer fremden Kultur zurechtkommen muss. Auch das Temperament spielt eine Rolle: Kinder mit selektivem Mutismus sind häufig sehr ängstlich. Sie mögen nicht allein schlafen, oder sie nässen nachts länger ein als gewöhnlich (Bettnässen kann mit Angst oder psychischer Belastung zusammenhängen, muss aber nicht). Außerdem hatten überdurchschnittlich viele von ihnen eine sogenannte frühkindliche Regulationsstörung: Sie waren Schreibabys oder hatten schon früh Probleme beim Füttern oder Schlafen.

Leiden die Kinder?

Anfangs oft nicht. Die Sprechhemmung zeigt sich meist zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr. Erst einmal scheinen sich viele kleine Kinder mit ihrer Einschränkung gut zu arrangieren: Sie antworten auf Fragen mit Nicken oder Kopfschütteln, zeigen auf Dinge, die sich haben möchten, und wirken dabei nicht frustriert. Im Laufe der Zeit bringt das dauerhafte Schweigen aber große Schwierigkeiten mit sich: Erzieherinnen und Erzieher in der Kita können die Entwicklung des Kindes schwer beurteilen, wenn es nicht spricht. In der Schule nimmt der Druck zu: Bleibt ein Kind grundsätzlich stumm, wenn es im Unterricht drangenommen wird, sind die mündlichen Leistungen eben gleich Null – die Lehrkräfte können nur die schriftlichen bewerten. Das ist aber nicht alles: Redet das Kind auch mit Klassenkameradinnen und Kameraden nicht, wird es schnell zur Zielscheibe von Spott und Ausgrenzung. Das kann furchtbar weh tun und die soziale Entwicklung beeinträchtigen.

„Nun sag doch mal was!“

Viele Eltern sind verzweifelt und halten es kaum aus, wenn ihr Kind in ihrem Beisein nicht mit anderen spricht. Sie haben Angst, dass sie und das Kind deswegen negativ bewertet werden könnten. Häufig geben sie den sozialen Druck, den sie selbst spüren, an ihr verstummtes Kind weiter – was das Problem verstärkt. Professionelle Hilfe suchen die meisten erst, wenn das Kind schon längst zur Schule geht. Dabei gilt auch bei selektivem Mutismus: je früher, desto besser!

Neun Tipps, wie ihr euer Kind unterstützen könnt

Für Kinder mit selektivem Mutismus ist es sehr belastend, wenn andere sie wegen ihres Verstummens verständnislos oder empört anstarren. Deshalb brauchen sie dringend Rückhalt von ihren Eltern – das Gefühl, in ihrer Not verstanden zu werden.

Wenn euer Kind an der Angststörung leidet, helft ihr ihm am meisten, wenn ihr es so annehmt, wie es gerade ist – eben zeitweise stumm. Reminder: Es bleibt nicht absichtlich still, es kann einfach nicht anders!

So könnt ihr es unterstützen:

  1. Ich bin an deiner Seite: Sagt in einer Situation, in der das Kind vor anderen verstummt, ruhig und freundlich zu den betreffenden Personen: „Mein Kind spricht mit Fremden erst mal nicht. Es braucht ein bisschen Zeit. Das ist okay.“
  2. Ja-Nein-Fragen vorschlagen: Bittet andere, eurem Kind Fragen zu stellen, auf die es auch mit Kopfnicken oder Kopfschütteln antworten kann.
  3. Sag’s mir ins Ohr: Wenn das Kind gerade nicht in der Lage ist, laut zu sprechen, könnt ihr eine Weile sein Sprachrohr sein: Es flüstert euch zu, was es sagen will, und ihr sprecht es laut aus.
  4. Schule oder Kita mit ins Boot holen: Informiert die Lehrkräfte oder das Kitapersonal über die Diagnose, damit sie euer Kind besser unterstützen können. Auch in der Schule können Ja-Nein-Fragen den Weg aus der Sprachlosigkeit erleichtern.
  5. Von der Seite ansprechen: Selektiv mutistischen Kindern fällt es leichter, auf eine Frage zu reagieren, wenn jemand neben ihm steht und es von der Seite anspricht statt frontal von vorn.
  6. Kommt zu uns: Ladet seine Freunde zu euch ein, bei Kindergartenkindern vielleicht Mutter oder Vater gleich mit. Zuhause fühlt sich euer Kind sicher, und es fällt ihm leichter, mit anderen zu reden.
  7. Spielräume schaffen: Karten- oder Gesellschaftsspiele machen Spaß – auch eurem Kind. Erleichtert ihm das Mitmachen: Statt „UNO!“ zu rufen, kann es zum Beispiel auf den Tisch klopfen. Wenn es richtig im Flow ist, vergisst es vielleicht sogar, dass es sich vor einigen Mitspielern eigentlich nicht zu sprechen traut und ruft plötzlich laut: „UNO!“
  8. Soziale Situationen einüben: Beim Bäcker darf sich das Kind selbst etwas aussuchen und bestellen. Wenn es klappt: super, kleine Erfolgserlebnisse tun dem Selbstvertrauen gut! Wenn es sich mal nicht überwinden: kein Beinbruch, vielleicht das nächste Mal wieder.
  9. Gute Situationen ansprechen: Aber besser nicht sagen: „Nur weil du mit dem Kinderarzt gesprochen hast, ist das so toll gelaufen!“ Ein solches Lob kann auch bewirken, dass das Kind sich gedrängt fühlt, dass es jetzt immer funktionieren muss. Redet lieber über das gemeinsame Erlebnis: „Das hat Spaß gemacht, der Kinderarzt war ja so lustig heute!“

Diese Therapien können helfen

Es gibt Logopädinnen und Logopäden, die sich auf selektiven Mutismus spezialisiert haben und die euer Kind professionell dabei unterstützen, seine Sprechblockade zu überwinden. Bei ausgeprägten sozialen Ängsten gilt auch eine kognitive Verhaltenstherapie als sehr wirksam. Dabei lernt das Kind, mit angstauslösenden Situationen besser umzugehen und seine Angst in den Griff zu bekommen. Die Methoden wie positive Verstärkung, Desensibilisierung und Exposition sind wissenschaftlich gut untersucht und haben hohe Erfolgsraten.

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